Radikal Regional

„… können die Probleme unserer Zeit nicht mehr national gelöst werden.“ Die Dame trug einen strengen Haarknoten und hatte einen noch schmäleren Mund. Ihr Bild schaute aus einer Zeitung der Grünen Bildungswerkstatt, mit Bedauern kommentierte sie das Scheitern der Verfassungsabstimmungen.

globalisierungDer Satz, dieser eine Satz von der Unvermeidbarkeit und Unausweichlichkeit der Globalisierung, er macht mich wütend. Als wäre es eine zornige Gebärde der Götter, als würde es wie ein unvorhergesehenes Gewitter über uns hereinbrechen, als sei es Kismet pur und ohne karmisches Vorgeplänkel – so entströmt dieser dumme Satz seit 4 – 5 Jahren unzähligen Mündern. Alles entschuldigend, umfassend erklärend stecken die paar Worte den Rahmen von etwas Unabwendbarem ab. Und durch ständige Wiederholung wird die Sache zwar nicht wahrer, aber umso fester in die Gehirne gebrannt, welche in Köpfen wohnen, die dann zustimmend dazu nicken: „Ja, ja, unsere Zeit und die Probleme, alles global, wie klein ist die Welt geworden.“

Mit jedem Refrain entsteht etwas Mächtiges, dem man sich anscheinend nicht entziehen kann. Es nimmt Form an in Gestalt und Namen, in Währungen und Kriegen. Es ist dort draußen – im globalen Raum – und kommt jetzt gleich zu uns herein. Bald wird es (Achselzucken!) uns beißen und wir können gar nix tun, da, jetzt in unserer Zeit.

Wer daheim einen Sauhaufen hat oder Schimmel an den Wänden, der möchte gerne weg. Verreisen oder umziehen, auf jeden Fall weg. Ich unterstelle vielen Globalisierungs­wieder­käuern, daß sie dem gleichen Fluchtreflex aufsitzen und die nationalen oder regionalen Sorgen/Nöte ganz gerne in eine große globale Regulierungsmaschine legen würden. Man wäre somit der unmittelbaren und direkten Verantwortung enthoben, weil doch … (hier den dummen Satz einfügen).

Manchmal entsteht in solchen Situationen, also wenn jemand den globalen Unsinn wiederkäut, das Gefühl von Kafkas Roman „Das Schloß“. Der Protagonist K. findet sich in besagtem Werk in einer Umgebung wieder, wo jede Handlung, jede Tätigkeit und jede Person zu jeder Zeit in permanenter Resonanz zum Schloß existiert. Niemand kennt genaue Regeln, keiner kann über diffuse Andeutungen hinaus Bescheid sagen, alles bezieht sich undeutlich auf das Wollen und Trachten einer nicht näher definierten Mächtigkeit. Da sich keiner im Dorf wirklich auskennt, sind alle sehr furchtsam und stecken sich in ihrem Bangen gegenseitig – und schließlich auch die Hauptfigur des Romans K. an. In düsterer unheilvoller Atmosphäre bewegt sich niemand, alles wartet.

Eine ähnliche Stimmung entsteht, wenn jemand das große unvermeidliche G. erwähnt. Auf einmal ist Big Brother da und schaut, ob wir auch alle brave Hündchen sind. Die Menschen teilen sich dann in die Ducker und in die Eiferer. Erstere würden am liebsten Nachsicht erflehen („… Oh, große Globalisierung, hab Erbarmen…“) und eine Jungfrau opfern, zumindest jedoch einige Wohlfahrtseinrichtungen zusperren. Die anderen, die Eiferer, sie versuchen besonders global life style zu zeigen. Da wird aus Gramatneusiedl eine zweite Wall Street, jede Gemeindestube mutiert zur communal agency und alles wuselt in wilder Effizienzsuche. Ach ja, da gibt’s noch Randgruppen, also Skeptiker und Verweigerer, sachliche Dozierer und schließlich jene, die das alles noch nicht so richtig mitbekommen haben. Aber die werden täglich ausgeforscht und dezimiert, denn die gläserne Welt findet allmählich in jedes bäuerliche Anwesen. Wo das Kabel noch zu teuer ist, da kann ein entsprechendes WLAN schon so an die 10 bis 15km überbrücken und alle Säumigen ans große Netz ketten.

Es dürfte nicht zu überhören sein, daß ich nicht zu den Eiferern zähle.

Wenn uns niemand beim Schloß denunziert, wird es so bleiben. Das Stigma hat allerdings ein paar erstaunliche Perspektiven mit sich gebracht und die wollen wir mit Euch teilen.

Die Geheimtinte im Internet

Was jemand aus der gläsernen Welt auf seinen Bildschirm holt und dort liest, hat keinen bleibenden Wert. Oft probiert und stets aufs Neue festgestellt – direkt am PC gelesene Informationen verlöschen in hohem Grad mit dem Abschalten oder Weiterklicken aus dem Gedächtnis. Vielleicht lesen auch diejenigen, welche das Phänomen erleben, nicht wirklich (Text wird gescannt), sondern begnügen sich zu wissen, daß sie XY ja dort (Datei, Speicherplatz…) zur Verfügung hätten. Fazit bleibt: die Fülle und Vielzahl reduziert sich in der Praxis auf theoretische Möglichkeiten, die Dinge bzw. viele davon sind nicht wirklich zur Hand, nicht in der Erinnerung und bei Stromausfall sind sie weg.Nach vielen Monaten und unzähligen Gegenversuchen bestätigt: Was Du Dir an Informationen behalten willst, mußt Du auf einen Zettel drucken. Dadurch werden anonyme elektronische Signale wieder ein Stück Materie und somit  wirklichkeitsrelevant.

Die Standbeingefahr

Es geht hier nicht um die Gefahr durch das, sondern für das Standbein. Und das Standbein heißt auch Standort und damit wird gedroht. Oft. Jedesmal, wenn jemand aus dem Bereich Wirtschaft oder Indurstrie etwas Zumutbares tun soll – z.B. Steuern zahlen, Abgase filtern, Toxine nicht in den Fluß schütten, Mitarbeiter anständig behandeln – dann kommt die Drohung. Es „gefährde den Standort“ heißt es dann stereotyp und die Forderer kuschen. Wir haben den Satz in diversen Variationen während der letzten EU Jahre so oft gehört wie den Unfug von der unabwendbaren Globalisierung. Wahrscheinlich sind beide finstere Geschwister, diese Sätze, welche dunkle Wolken am Horizont heraufbeschwören möchten.

Bei genauerem Hinhören auf Nebengeräusche entsteht dann beinahe der Eindruck, die Wirtschaft sei eine caritative Einrichtung, die ihr Füllhorn an Wohlstand und Wohlergehen über die Braven und nur über die ergieße. Fast mutet es an – nach den Zwischentönen rund ums Standbein – als sei dies (das Füllhorn) alleiniger Zweck der Wirtschaft. Edel ist der Multi, wahrhaft und gut, aber auf sein Bein muß sehr geachtet werden. Und wieder gibt es Lemminge, die den Satz wierdholen, bis er lebt und droht, was dann alle glauben.

„Ich will an etwas erinnern. Wirtschaft bedeutet Produktion von Gütern sowie den Handel mit Waren oder Dienstleistungen. Das oberste Credo ist der Gewinn. Dazu bedient sich die Wirtschaft der Arbeitskraft anderer, weil sie alleine nichts produzieren oder vertreiben kann. Der Gegenwert für Arbeit heißt Lohn und die Sache ist ein Vertrag. Nix Füllhorn, nix Caritas, sondern ein Abkommen. Wenn die Drohgebärde mit dem Standbein kommt, haben wir das oft vergessen. Dann lassen wir Federn und uns zusätzlich oft das Fell über die Ohren ziehen.“

Also erinnern wir uns. Jedes Unternehmen braucht Leute, welche die Arbeit tun. Und jeder Wirtschaftstreibende braucht Leute, die den Krempel kaufen. In der Regel sind das dieselben Leute oder ihre Angehörigen. Wenn wir nur ein wenig an den Erklärungen rund ums Standbein kratzen, wird etwas sichtbar. Die vielzitierte Standortfrage als Folge einer ganzen Kette von unternehmerischem Versagen. Vor rund 50 Jahren war dieses Land (Österreich) ein Marktjuwel. Nach zwei Kriegen und nach Abzug der Besatzungstruppen wurde alles, aber auch alles gebraucht. Vom Schrauben bis zur Lampe, vom Schuh bis zum Fahrrad bestand ein ungeheurer Bedarf. 30 Jahre später waren die Märkte des alltäglichen Bedarfes hoffnungslos überfüllt, jene des Luxus quollen über und solche, die man als völlig künstlich geschaffen bezeichnen kann, befanden sich im Zustand der fortschreitenden Stagnation. Viel zu schnell, zu gierig und zu hastig wurden immense Expansionen vorgenommen, unter den Postulaten „modern“ und „fotschrittlich“ entstand die Illusion eines ewig steigenden Wirtschaftswachstums.

regionalEs war und ist wie beim Krebs, die Radikalen vernichten die Lebendigen und in der Endphase der Wucherung sucht man das Heil über die regionalen, nationalen und kontinentalen Grenzen hinweg in einer globalen Chimäre. Diejenigen, die in einem Höllentempo binnen weniger Jahrzehnte ihre Märkte versaut (=überfüllt) haben, jammern jetzt über Wettbewerbs- und Produktionsbedingungen. Eigentlich, also eigentlich sollte allmählich transparent werden, daß wir uns für mehrere Jahre durch eine Rezession, durch Wachstumsstop und Drosselung bewegen müssen (dieser Artikel wurde 2004 für eine Vereinszeitung verfasst – Anmerkung des Autors). Zurück zu ausgewogenen Abläufen in regionalen Dimensionen, zurück zum natürlichen Bedarf an Dingen.

Das allerdings, liebe Leute, geht nur in sehr kleinen Einheiten, wo man sich gegenseitig stützen kann. Viele Minimalstrukturen von Dorfgröße, das alte Kreisgesetz des miteinander Teilens – und es ist machbar. Der Knackpunkt in der Angelegenheit dürfte dort liegen, wo wir nicht miteinander reden und uns nicht kennen wollen, sondern lieber etwas kaufen.

Geheim, ganz geheim hat sich die Illusion des ewig währenden Waren- und Güterflusses in unsere Gehirne gebrannt. Wir kaufen Sachen und Dinge, andere Leute und uns selber frei von irgendetwas, häufen Ramsch und Gerümpel an bis zum Ersticken. Ist doch so?

Dort wo wir wohnen, gibt es 3 Haushalte mit insgesamt 7 Personen. Ich habe heute das Vorhandensein von 9 Bohrmaschinen festgestellt und niemand von uns ist Berufshandwerker. Mir sind auch mindestens 5 TV-Geräte bekannt, die (Halb)Leichen im Schuppen oder auf dem Dachboden nicht mitgezählt. 5 Autos verteilen sich auf 4 Führerscheine. Es ist hier nicht üppig, eher so zwischen schlicht und üblich.

Ich erzähle diese Anekdote, damit zwischen den Worten klar wird, was ich meine. In der Annahme, daß sich die Statistik unseres Hauses auf einen Großteil der Haushalte des Landes übertragen lassen kann – dann sind wir der Zeh des Standbeines, über das soviel geredet wird.

Über 

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